Die Geburt einer Legende
Die Vespa (italienisch für Wespe) ist der Entschlossenheit eines Enrico Piaggio zu verdanken, der ein erschwingliches Produkt für den Massenmarkt herstellen wollte. Bereits gegen Ende des Krieges zog Enrico jede erdenkliche Möglichkeit in Betracht, um die Produktion in seinem Betrieb wieder aufzunehmen. So entstand ein Motorroller, der auf einem kleinen, ursprünglich für Fallschirmjäger konzipierten Motorrad basierte. Der Prototyp MP5, der wegen seiner eigenartigen Form “Paperino” (italienisch für Donald Duck) genannt wurde, stellte Enrico Piaggio indes nicht zufrieden. Deshalb bat er Corradino D’Ascanio, das Konzept zu überarbeiten.
Doch der Flugzeugingenieur war kein Freund von Motorrädern. Für ihn waren es unbequeme und unförmige Fahrzeuge, die zudem Probleme beim Radwechsel machten. Zu allem Überfluss waren die Räder ständig von der Antriebskette verschmiert. Dank seiner Erfahrungen, die er im Flugzeugbau gesammelt hatte, fand er jedoch für jedes Problem eine passende Lösung: Um die ungeliebte Kette zu eliminieren, erdachte er ein selbsttragendes Chassis, an dem eine Einheit aus Motor und Radführung montiert wurde. Zur vereinfachten Bedienung verlagerte er den Schalthebel an den Lenker. Und um den Radwechsel zu erleichtern, verzichtete er auf eine Vorderradgabel und konstruierte stattdessen eine Einarmschwinge, wie sie auch an Flugzeugfahrwerken eingesetzt wurde. Schließlich entwarf er eine Karosserie, die den Fahrer wirksam vor Verschmutzungen schützte. Jahrzehnte, bevor ergonomische Studien in die Entwicklungsarbeit einflossen, bot die Vespa schon damals eine komfortable und sichere Sitzposition und ließ sich leichter manövrieren als die hochbeinigen Motorräder jener Zeit.
Corradino D’Ascanio brauchte nur wenige Tage, um seine Idee zu konkretisieren und erste Zeichnungen der Vespa anzufertigen. Und schon im April 1946 wurde das erste Fahrzeug in Pontedera gebaut. Seinen Namen erhielt es von Enrico Piaggio selbst. Nachdem er den Prototypen MP6 mit seinem breiten Mittelteil und der schmalen Taille erstmals zu Gesicht bekam, rief er spontan „sie sieht aus wie eine Wespe“. So war die Vespa geboren.
Am 23. April 1946 meldete die Piaggio & C. S.p.A. ihre Entwicklung beim Industrie- und Wirtschaftsministerium in Florenz zum Patent an. Die Patentschrift sprach von einem „Motorrad mit sinnvollen Komponenten und Elementen sowie einer Karosserie mit Spritzschutz und Verkleidung, die alle mechanischen Teile verdeckt“. Schon kurze Zeit später präsentierte man das Fahrzeug der Öffentlichkeit und rief dabei sehr unterschiedliche Reaktionen hervor. Enrico Piaggio ließ sich jedoch nicht beirren und begann sofort mit der Serienproduktion. Dabei verließen zunächst 2.000 Stück der ersten Vespa 98 das Werk. Sein gesellschaftliches Debüt feierte der neue Roller im eleganten Golf Club von Rom. Unter den Gästen war auch U.S. General Stone, der die alliierte Militärregierung repräsentierte. Die Italiener sahen die Vespa erstmals in der Zeitschrift Motor vom 24. März 1946. Am 15. April 1946 zierte die Vespa dann auch das Titelblatt der Zeitschrift La Moto.
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